Universitätstage

42. Erlanger Universitätstage 2021

Thema: Gedächtnis

23. Februar bis 23. März 2021

Die Vorträge finden in diesem Jahr online via Zoom statt

Beginn jeweils um 19.30 Uhr

Einladungs-Link, über den Sie an allen Vortragsabenden kostenlos Zugang zur Veranstaltung erhalten: https://fau.zoom.us/j/97237323683?pwd=eTVvcUhlWEM4K1NZSWRGVTBFRW9mZz09

Weitere Informationen: www.fau.info/universitaetstage

Download: Veranstaltungsflyer

Die 42. Erlanger Universitätstage 2021 in Amberg stehen ganz im Zeichen des Themas „Gedächtnis“. Aus den Perspektiven der Psychosomatik und Psychotherapie, der Psychogerontologie, der Neurologie, der Soziologie und der Medienwissenschaft stellen fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der FAU Teilbereiche des zeitgenössischen Nachdenkens über das Gedächtnis vor. Die Vortragsreihe findet von Dienstag, 23. Februar, bis Dienstag, 23. März, statt und wird über Zoom übertragen. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr.

Unser Gedächtnis sammelt Informationen und ist dabei mehr oder weniger zuverlässig: Psychische Störungen können dazu führen, dass Ereignisse ganz aus dem Gedächtnis verbannt werden. Bei anderen überflutet es uns unkontrolliert mit schmerzhaften Erinnerungen wie bei einer posttraumatischen Belastungsstörung. Aber auch im Alter verlieren wir die Kontrolle über unser Gedächtnis. Es bekommt Lücken, doch das ist nicht automatisch die Folge eines krankhaften Prozesses im Gehirn, sondern Teil eines gesunden Alterungsprozesses.

Auch auf das jugendliche Gedächtnis ist nicht uneingeschränkt Verlass. Es bauen sich Parallelwelten auf. Immer öfter bedienen sich Fernsehserien kontrafaktischer Geschichten: Was wäre, wenn die Sowjetunion die ersten Menschen zum Mond geschickt hätte? In einer medialen Welt mit so vielen alternativen Geschichts- und Gegenwarts-„Fakten“ ist unser Gehirn überfordert. Dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen und das Erinnerungsvermögen optimieren, wäre manchmal wünschenswert. Schließlich kann sich unser Gehirn nach Verletzungen durch Training und Stimulation selbst heilen und beschädigte Funktionen wiederherstellen. Kann man diese Fähigkeit nicht auch nutzen, um die mentale Leistungsfähigkeit, also auch unser Gedächtnis, zu steigern? Doch selbst wenn dem menschlichen Gedächtnis Grenzen gesetzt sind, braucht man keine Angst vor dem Vergessen zu haben. Denn die Vergangenheit ist auch in unserem sozialen Umfeld gespeichert, zum Beispiel in der Musik. Sie beinhaltet Informationen über die Zeit, Traditionen und soziokulturelle Kontexte. Wir können alle auf sie zurückgreifen und unser Gedächtnis auffrischen.

Dienstag, 23. Februar 2021
Prof. Dr. (TR) Yesim Erim
Das Gedächtnis bei psychischen Störungen und in der Psychotherapie

Unser Gedächtnis hat verschiedene Funktionsbereiche. In der Psychotherapie begegnen wir verschiedenen Veränderungen der Gedächtnisfunktionen, im Vordergrund steht dabei immer die subjektive Wahrnehmung und Erinnerung der PatientInnen. Freud, der Urheber der ärztlichen Psychotherapie, entdeckte bei seinen Patientinnen „unverträgliche Vorstellungen“, die miteinander in Konflikt gerieten. Diese meist peinlichen Vorstellungen der Patientinnen wurden durch Verdrängung abgewehrt und vom Bewusstsein ferngehalten. Dass die Verdrängung aus dem bewussten Gedächtnis mit psychischen Beschwerden einhergeht, wurde die zentrale Erkenntnis der von ihm begründeten Psychoanalyse. Vor etwa drei Dekaden wurden die Traumafolgestörungen identifiziert. Aufdringliche, sogenannte intrusive Erinnerungen an ein traumatisches Ereignis können beunruhigend und ängstigend sein und stellen ein zentrales klinisches Merkmal der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) dar. Dieser Vortrag handelt von Funktionen und Organisation des Gedächtnisses, Veränderungen bei psychischen Störungen und Wiederherstellung durch Psychotherapie.

Prof. Dr. (TR) Yesim Erim war nach dem Studium der Medizin an der Universität Istanbul als Amtsärztin in Anatolien tätig. Ihre Facharztausbildung zur Psychiaterin absolvierte sie in Istanbul und an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Münster (Prof. Dr. R. Tölle). Die folgende Ausbildung zur Fachärztin für Psychosomatische Medizin erfolgte an der Universitätsklinik in Essen, wo sie auch als leitende Oberärztin wirkte (Prof. Dr. W. Senf). Ihr weiterer Berufsweg führte sie als Psychoanalytikerin an das Institut für Psychoanalyse in Düsseldorf. Sie habilitierte mit einer Studie über die „Optimierung der psychosomatischen Diagnostik und der supportiven-psychoedukativen Psychotherapie bei Lebertransplantation und Leberlebendspende“. Im Jahre 2009 gab Frau Erim das erste deutschsprachige Lehrbuch zur klinischen Interkulturellen Psychotherapie heraus (Kohlhammer). Seit 2013 arbeitet sie als Professorin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und als Leiterin der gleichnamigen Abteilung am Universitätsklinikum Erlangen. Frau Erim baute ein spezialisiertes Setting für die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung sowie eine Sprechstunde für Patienten mit Fluchterfahrung auf.

Dienstag, 2. März 2021
PD Dr. Sven Grampp
Serielles Erinnern: Formen und Funktionen kontrafaktischen Erzählens in Fernsehserien

In sehr vielen Fernsehserien wird inzwischen nicht nur in fiktionalisierter Form an historische Ereignisse erinnert, sondern zunehmend verhandeln Serien die Historie im Modus des Kontrafaktischen. Was wäre, wenn die Sowjetunion den ersten Menschen zum Mond gebracht hätte, etwa in For all Mankind (New Apple TV+, seit 2019), was wäre, wenn John F. Kennedy nicht einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, so beispielsweise in 11.22.63 (Hulu 2016), was, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, so erzählt in The Man in the High Castle (Amazon 2015-19)? Im Vortrag werden erstens unterschiedliche Formen dieser Art des Erzählens vorgestellt, zweitens die Frage gestellt, welche Funktionen solche Aneignungen historischer Ereignisse haben könnten. In diesem Zusammenhang soll darüber spekuliert werden, inwieweit diese Formen geschichtlicher Weltaneignung mit zeitgenössischen Phänomenen wie Fake News oder der Einführung alternativer Fakten in den öffentlichen Diskurs korrespondieren.

PD Dr. Sven Grampp ist akademischer Oberrat am Institut der Theater- und Medienwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind Fernsehserien, Medientheorie, Space Race. Veröffentlichungen (Auswahl): Marshall McLuhan. Eine Einführung (2011), Picture Space Race (2014), Medienwissenschaft (2016), (Hg.) Cold Moon Rising. Die Berichterstattung über die erste bemannte Mondlandung als Globalgeschichte in Zeiten des Kalten Krieges (2021, im Druck).

Dienstag, 9. März 2021

Dr. Michael Schwarz
Das Gedächtnis des Menschen: Der Hippocampus im Spannungsfeld von Neurogenese und Neuro-Enhancement

Die Nutzung natürlicher Selbstheilungsressourcen des Gehirns ist ein wichtiger Bestandteil der Neurorehabilitation nach Hirnverletzungen. Werden beeinträchtigte Funktionen nicht zeitnah und engmaschig in einem geeigneten Setting trainiert, droht ein dauerhafter Funktionsverlust („use it or lose it“), der bei vielen Menschen auch das Gedächtnissystem betrifft. In den letzten Jahren wurde eindeutige Evidenz vorgelegt, dass im Gehirn lebenslang neue Nervenzellen gebildet werden. Es zeigt sich, dass zwei neurogene Regionen mit Stamm- bzw. Vorläuferzellen existieren (1. subgranuläre Zone des Gyrus dentatus des Hippocampus, 2. Subventrikuläre Zone der lateralen Seitenventrikel), von denen eine Proliferation neuer Nervenzellen ausgeht. Insbesondere die Neurogenesezone im Hippocampus ist für menschliche Kognition besonders interessant, da es sich hierbei um ein wichtiges Gehirnareal für die Formation von Gedächtnisprozessen handelt. Entsprechend rücken die potenziellen Möglichkeiten eines Neuro-Enhancements, also einer Steigerung der mentalen Leistungsfähigkeit, durch Trainingsprogramme und Stimulanzien verstärkt in den Fokus der Forschung.

Dr. Michael Schwarz studierte von 1994 bis 1999 Psychologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er promovierte anschließend im Fach Humanbiologie im Bereich der neuro-kognitiven Hirnforschung. In seiner Dissertationsschrift beschäftigte er sich mit der Verortung spezifischer Sprachfunktionen im Gehirn und untersuchte die Auswirkungen epilepsiechirurgischer Eingriffe auf die Sprachverarbeitung. Durch die Entdeckung kategorienspezifischer Sprachstörungen wurden neue Erkenntnisse gewonnen, wie Menschen semantisches Wissen in der Hirnrinde abspeichern und im Zusammenspiel mit dem limbischen System konsolidieren. Seit 2002 ist Schwarz als Neuropsychologe an der Neurologischen Klinik Erlangen tätig. Seine beruflichen Schwerpunkte liegen in der Diagnostik und Therapie schwer behandelbarer Epilepsien. Hier beschäftigt er sich insbesondere mit der Prüfung von Dominanzverhältnissen in den Großhirnhemisphären, um chirurgische Eingriffe zum Wohle der Patienten besser planen zu können. Er arbeitet ferner als Lehrer an einer Krankenpflegeschule.

Dienstag, 16. März 2021
PD Dr. Gerd Sebald
Zur Sozialität von Gedächtnissen, entwickelt am Beispiel der Musik

Gedächtnis, sei es Erinnern oder Vergessen, schreiben wir gemeinhin den Individuen zu. Jemand hat ein gutes oder ein schlechtes Gedächtnis, ist vergesslich oder hat ein photographisches Gedächtnis. Diese alltägliche Selbstverständlichkeit wurde in der soziologischen und kulturwissenschaftlichen Forschung auf den Prüfstand gestellt, mit dem Ergebnis, dass auch das soziale Umfeld an Gedächtnisleistungen beteiligt ist oder diese gar vor allem über soziale Formen funktionieren. Der Vortrag möchte das am Beispiel der Musik diskutieren. Musizierende und Zuhörende sind für die Produktion und Rezeption auf ihr individuelles Gedächtnis angewiesen, wie das Alfred Schütz in seiner Phänomenologie der Musik herausgearbeitet hat. Musik ist aber auch ein kollektives Phänomen, wird in Gruppen (re-)produziert und rezipiert. Zudem zeigen sich in jedem musikalischen Werk vielfältige Bezugnahmen auf die soziokulturelle musikalische Tradition, etwa auf Stile, Genres und Kunstformen. Diese sind als soziale Formen etwa in Lehr- und Unterrichtsbüchern, in Notenschrift und Partituren, in Konzertmitschnitten oder auf Videoportalen im Internet verfügbar und stehen zur Aktualisierung bereit. So zeigen sich im Phänomen der Musik vielfältige und vielschichtige Bezüge auf Vergangenes.

PD Dr. Gerd Sebald lehrt und forscht seit 2002 am Institut für Soziologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der soziologischen Theorie, der Wissenssoziologie, der Mediensoziologie und nicht zuletzt der Gedächtnissoziologie. Er studierte von 1994 bis 2001 Soziologie, Geschichte und Buchwissenschaft an der FAU. Schon seine Magisterarbeit war dem Thema ‚Körpergedächtnis‘ gewidmet. Die Dissertation nahm die Free/Open Source-Softwareentwicklung in den Fokus. Die Habilitation ging aus dem DFG-Projekt „Soziale Erinnerung in differenzierten Gesellschaften“ hervor und trägt den Titel „Generalisierung und Sinn: Überlegungen zu einer Theorie sozialer Gedächtnisse und des Sozialen“. Aktuell arbeitet er an dem Handbuch Sozialwissenschaftliche Gedächtnisforschung.

Dienstag, 23. März 2021
Prof. Dr. Frieder R. Lang
Altern und Gedächtnis: Bedrohlichkeit und Nützlichkeit des Vergessens

Viele Menschen erleben es als bedrohlich, wenn sie sich nicht in gewohnter Weise an Gelerntes und Erlebtes erinnern können. Verschlechterte Gedächtnisleistungen können auf krankhafte Prozesse im Gehirn hinweisen. Allerdings ist die verringerte Kapazität des Gedächtnisses auch typisch für einen gesunden Alternsverlauf. Vergesslichkeit und Erinnerungsdefizite stellen manchmal auch Anpassungen im Umgang mit sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen des Alterns dar. Daher ist die Unterscheidung zwischen normalen und krankhaften Veränderungen des Gedächtnisses eine der zentralen Fragen in der psychologischen Alternsforschung. Es gilt zu klären, welche Funktion das Gedächtnis bei der Bewältigung psychosozialer Herausforderungen des Alterns hat und welche Gedächtnisprozesse zu einem längeren Leben beitragen. Anhand exemplarischer Befunde wird illustriert, wie Veränderungen des Gedächtnisses und des Erinnerns im Alter mit positiven Verläufen des Alterns assoziiert sind, und wie solche Veränderungen abzugrenzen sind von pathologischen, defizitären Veränderungen der Gedächtniskapazität. Individuelle Strategien des Vergessens und Erinnerns können zu einer selbstbestimmten und positiven Lebensgestaltung im Alter beitragen.

Prof. Dr. Frieder R. Lang, Dipl.-Psych., ist Direktor des Instituts für Psychogerontologie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Sprecher des Interdisziplinären Zentrums für Alternsforschung. Nach dem Studium der Psychologie an der Technischen Universität Berlin hat er an der Freien Universität und am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung promoviert, und sich anschließend 2001 an der Humboldt Universität zu Berlin habilitiert. Seit 2002 hatte er zunächst eine Professur für Entwicklungspsychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne, bevor er 2006 den Lehrstuhl für Psychogerontologie an der FAU übernahm. Seit einigen Jahren leitet er die von ihm gegründete Beratungsstelle für gesundes Altern (www.geronto.fau.de/bega) sowie das Gedächtniszentrum am Institut für Psychogerontologie in Nürnberg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Bedingungen gesunden Alterns, Bilder des Alters, Altersvorsorge, lebenslanges Lernen sowie die Förderung der Selbstbestimmung im Alter.